Freitag, 24. Februar 2012

Kein Säkularer – doch wenigstens kein Weltfremder

Joachim Gauck.
Foto: Tohma
Als weltlich denkender Mensch, dem jeder religiöse Einfluss auf die Politik zuwider ist, begleiten einen angesichts des Altpfaffendaseins unseres designierten Bundespräsidenten gemischte Gefühle.

Ausgerechnet ein Theologe. Die mediale Berichterstattung war schnell daran, darauf hinzuweisen, dass künftig mit Frau Merkel und Herrn Gauck die beiden höchsten Ämter der Bundesrepublik mit ostdeutschen Protestanten besetzt sind.
Michael Schmidt-Salomon verdammte Gauck unlängst als Symbolfigur der religiotischen politischen Klasse.


Es fragt sich allerdings, ob unser kommendes Staatsoberhaupt grundsätzlich als "Christ" beklagt, bejubet oder überhaupt irgendwie beurteilt werden sollte. Vor so einer Einschätzung muss stets die Überlegung stehen, inwieweit Religiosität für einen Menschen charakteristisch ist, im weiteren Sinne noch in Bezug auf sein Amt.

Von diesem Vorwurf kann Joachim Gauck, selbst trotz seiner theologischen Ausbildung, mit aller Vorsicht freigesprochen werden. Hierfür stehen vor allem folgende Gründe Gewähr: Gaucks Entscheidung für die Kirche war maßgeblich politischen Umständen geschuldet, wie er sich u.a. vor drei Jahren in seinem Werk Winter im Sommer – Frühling im Herbst erinnerte: "Anders als die elterliche oder die staatliche Autorität bot der Glaube die Möglichkeit, sich einer Wahrheit anzuvertrauen, die von niemandem befohlen und von niemandem genommen werden konnte" (Hervorhebung hinzugefügt). Sein Werdegang als Pfarrer und seine Predigten stellten nicht weniger politischen Ausdruck dar als schließlich sein Engagement im Neuen Forum.
Gauck trat immer zuallererst als Bürgerrechtler auf und tut das bis heute. Dabei unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Christian Wulff – neben zahllosen anderen Zügen – besonders eines: Authentizität. Gauck weiß aus Erfahrung, wovon er spricht, wenn er Worte wie "Freiheit", "Recht" oder "Demokratie" in den Mund nimmt. Er hat nicht bloß einmal nachmittags auf dem Sofa in Burgwedel davon geträumt.
In seinen Reden kommt er durchweg ohne Ausflüchte auf "Gott" oder irgendetwas (vermeintlich) "Christliches" aus – was sie gerade nicht zu Predigten macht, wofür Schmidt-Salomo sie hält.

Kritisiert werden darf und sollte Gauck hingegen vielmehr mit Blick auf konkrete politische Aussagen. Doch auch das sollte einen eher optimistisch stimmen. Denn im krassen Gegensatz zum an Belanglosigkeit kaum unterbietbaren Gefasel Christian Wulffs verzichtet er nicht darauf, Stellung zu beziehen.

Sicher, Joachim Gauck ist noch immer meilenweit entfernt vom Wunschprofil seitens uns Säkularer. Doch sollte man auch versuchen, realistisch zu bleiben. Dass sich die entscheidenden Parteien leider nicht z.B. auf Michael Schmidt-Salomon einigen würden, war zu erwarten. Und insbesondere verglichen mit den katastrophalen weiteren Gestalten, die sich im Rennen befanden – Käßmann, Göring-Eckardt, Huber und noch mehr – ist der ehemalige Pfarrer Gauck beileibe das geringste Übel.

Wir können daher zuversichtlich sein, dass der notorische Verweis auf "Gottes Hilfe" im Rahmen seiner Amtseinführung die letzte Religiotie Joachim Gaucks in seiner neuer Position bleibt.


Tom Bioly
gbs Jena

Kommentare:

  1. Ein Kommentar, dem ich beipflichte. Ich hätte mir – „weiß Gott“ – auch einen mehr der säkularen Szene nahestehenden bzw. sie wenigstens zur Kenntnis nehmenden Bundespräsidenten gewünscht. Aber – wie der Kommentator zu Recht anmahnt – es gilt realistisch zu sein, mehr ist zur Zeit aufgrund der uns regierenden und uns beherrschenden Klasse von Politikern und Kirchenleuten einfach nicht „drin“. Es würde mich im Übrigen nicht wundern, wenn jene, die ihn einst und jetzt wieder auf den Schild hoben, in Bälde mehr Probleme mit ihm haben werden als vielleicht wir Säkularen.

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  2. Ja, Gauck mag zwar kein Wunschkandidat sein, ein Gauckler ist er jedoch nicht. Gauck sollte nicht primär als Protestant, sondern als Bürgerrechtler wahrgenommen werden. Religiotischen Schwachsinn wie "Mehr Christentum wagen" (A. Merkel), "Die 10 Gebote sind mehr wert als tausende Gesetze" (G. Beckstein) oder "Die Bibel ist das wichtigste Buch, das ich kenne" (H. Köhler) werden wir - davon bin ich überzeugt - aus dem Munde Gaucks jedenfalls nicht hören.

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  3. Genau das meine ich:
    http://starke-meinungen.de/blog/2012/02/28/der-pfarrer-als-prasident-joachim-gauck-und-der-holocaust/
    "Der Mann war Pfarrer - er ist böse." Mindestens genauso lächerlich die Ausführung zu Gaucks angeblicher Holocaust-Verharmlosung dort. Eine überaus "starke Meinung".

    Ich bin übrigens evangelisch konfirmiert worden. Habe ich ein Glück, dass noch keiner meinen Sprecherposten hier deswegen infrage gestellt hat!

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