Donnerstag, 8. März 2012

Humanität oder Humanismus?

Die Bundesregierung hat beschlossen, die Entnahme von Spendeorganen nach dem (Hirn-)Tod von der Zustimmung des_der potenziellen Spender_in abhängig zu machen und lediglich durch regelmäßiges Nachfragen bestehende Weigerungen in Zustimmung wandeln zu versuchen. In einem Kommentar zum Thema legt Frank Navissi nahe, die bislang noch immer sehr spärliche Zahl an Personen mit Organspendeausweis könne zum Teil mit einer angeblichen Kultur religiöser Bedenken bezüglich einer Vollständigkeitsvoraussetzung zur Aufnahme ins Himmelreich erklärt werden. Die angemessene Haltung von Humanist_innen bstünde dann in affirmative action: 
Ich halte es für eine Pflicht für jeden Humanisten, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen. Wir sollten Vorbild sein, weil wir wissen, dass wir nichts in ein nicht existentes ,Jenseits mitnehmen werden. Allein aus diesem Wissen heraus sollte es uns Pflicht sein, denen zu helfen, die unsere Hilfe benötigen.“
Diese Aufforderung scheint mir einige Schwierigkeiten zu bergen, ganz abgesehen davon, dass die hier unterstellte religiöse Haltung zur Organspende nicht gerade der Realität entspricht.



                               Foto: fair-NEWS.de
Man möge mich nicht falsch verstehen: Ich bin Humanistin und trage einen Organspendeausweis in meinem Portemonnaie – beides aus Überzeugung. Natürlich würde ich meinen Mitmenschen dazu raten, nach ihrem Tod anderen Menschen das Weiterleben zu ermöglichen, und wäre durchaus einverstanden mit einer Regelung, die die Organentnahme nach dem Tod zu Transplantationszwecken standardmäßig erlaubt. 


Nun ist es aber fürs Erste entschieden, Organspende bleibt in Deutschland eine Spende und damit freiwillig. Zurück also zu Navissis Gebot und der Gewissensfrage: Dürfen Humanist_innen eine Organspende verweigern? Ich meine, ja. Und sie dürfen das sogar aus humanistischen Gründen. Das Schlagwort, welches hier Anwendung findet, heißt „Mein Körper gehört mir!“ 
Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und vor allem Selbstbestimmung ist ein zentrales Menschenrecht und wird bis heute von den Emanzipationsbewegungen von Frauen, Homosexuellen, Intersexuellen, HIV-Infizierten und vielen anderen Gruppierungen gerade gegen religiöse Gegner_innen erkämpft. Angesichts dieser Kämpfe und das Ausmaß der dort geschehenden Verletzungen des Selbstbestimmungsrechtes handelt es sich hier, mag man durchaus berechtigterweise einwenden, um ein Luxusproblem. Und immerhin handelt es sich um eine hochgradig humanitäre Sache. 
Das stimmt alles, und doch ist es falsch, diesen Dienst an der Menschheit zur Verpflichtung für eine Menschengruppe zu machen, nur weil sie sich als humanistisch versteht. Die Entscheidung, ob der eigene Körper nach dem Tod „zerpflückt“ werden soll, wird immerhin zu Lebzeiten getroffen, und es ist vollkommen, legitim, sich aus welchen Gründen auch immer, dagegen zu entscheiden, auch für Humanist_innen.

Nach einer repräsentativen BZgA-Studie von 2010 wären 74% der Deutschen bereit, ihre Organe zu spenden, allerdings empfindet sich jede_r Zweite als (eher) schlecht darüber informiert. Der häufigste Grund für die Entscheidung gegen eine Organspende ist, diese Frage noch (!) nicht entscheiden zu wollen oder können – und nur 9% sind aus religiösen Gründen dagegen. Anders gesagt: es besteht noch Hoffnung, also warten wir erst mal ab und versuchen es mit Überzeugungsarbeit statt Verpflichtungen.

Viele Informationen und natürlich den Spendeausweis gibt es auf http://www.organspende-info.de/

Julia Maria Zimmermann, 
gbs-Hochschulgruppe Jena

Kommentare:

  1. Lesen sie doch als Studentin einmal einige medizinische Fachartikel. Zum Beispiel von dem jetzt im Dt. Ethikrat eingeladenen bekannten amerikanischen Neurologen Alan Shewmon, der eine Studie über den sog. "chronic brain death" erstellt hat. Dann fällt Ihr Plädoyer vielleicht nicht ganz so naiv aus.

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  2. Ich verstehe Ihren Kommentar nicht ganz, vielleicht wollen Sie mir erklären, worauf Sie hinaus wollen? Falls es das ist, dass die Feststellung des Hirntodes eine sehr willkürlich Grenze ist und eigentlich noch eine Verfügung über lebenserhaltende Maßnahmen benötigte, stimme ich Ihnen zu. Das war allerdings nicht das Thema meines Kommentars

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  3. Ja, jeder sollte das für sich selber entscheiden - aber wenn er sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen will, dann sollten alle davon ausgehen, dass er mit einer Organspende einverstanden ist. So ist das in anderen Ländern, so kriegt man die Verdränger dazu, sich entweder abschlägig zu äußern, oder eben irgendwann zu spenden. Beides ist okay. - Anderswo geht das, und das sind auch Demokratien.
    Hier sind unsere Politiker schlicht zu feige, die Leute sanft zu einer Entscheidung zu drängen, sie betteln lieber. Widerlich, dieses Anbiedern gerade an die Verdränger, weil man um ein paar Stimmen fürchtet.

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  4. Der Artikel und Ihre Webseite gefallen mir. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg damit. Vor einem Jahr habe ich die Freidenker Galerie gegründet. Es würde mich freuen, wenn Sie auch bei mir mal reischauen.

    Schöne Grüsse aus München
    Rainer Ostendorf
    http://www.freidenker-galerie.de

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