Sonntag, 2. November 2014

Rezension zu »Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich« von Michael Schmidt-Salomon

Unser Mitstreiter Rimtautas Dapschauskas stellt in seiner Rezension das aktuelle Buch des Vorstandssprechers der Giordano-Bruno-Stiftung vor: 



Als ich den Titel des Buches mit den zwei Wölkchen auf dem Cover das erste Mal las, so muss ich ehrlicherweise gestehen, war ich zunächst äußerst skeptisch und erwartete im Prinzip eine ‒ im wahrsten Sinne des Wortes ‒ naive Gutmenschenschnulze. Doch nach der Lektüre dieses Buches hat sich mein erster Eindruck als völlig falsch herausgestellt. „Hoffnung Mensch“ ist das bisher ausgereifteste, am breitesten angelegte und tiefgründigste Werk von Michael Schmidt-Salomon.
Man bemerkt die Weiterentwicklung und Reifung des Autors sowohl inhaltlich/philosophisch als auch in Bezug auf Duktus und Schreibstil deutlich. Letztere erscheinen insgesamt sehr ausgewogen und ausbalanciert. Man merkt, dass sich Schmidt-Salomon für sein Buch Zeit genommen hat und eine Weile zurückgezogen in einem italienischen Bergdorf in Ruhe daran arbeiten konnte. Was mir am besten an dem Buch gefallen hat, ist das breite Allgemeinwissen, welches man im Kontext jeweils eines übergeordneten Themas peu à peu beim Lesen verabreicht bekommt. Dabei sind die meisten Aussagen mit Fußnoten gut belegt und verweisen auf zahlreiche vertiefende Literatur, was ich persönlich immer sehr wertschätze. Es zeigt auf, dass der Autor aus einem Fundus einer breit gefächerten wissenschaftlichen, historischen und philosophischen Lektüre schöpft.

Schmidt-Salomon erzeugt in seiner Abhandlung einen gewissen Spannungsbogen: Zuerst zeigt er auf eindringliche Art und Weise die Absurdität und Ungerechtigkeit des Lebens auf, sowie die Unausweichlichkeit des absoluten Todes ‒ sowohl des einzelnen Individuums, als auch der gesamten Menschheit als solcher und auch aller Erinnerungen von dieser und an diese. Danach fängt er den Leser aber geschickt am tiefsten Tiefpunkt wieder auf und nimmt ihn sozusagen Stück für Stück wieder nach oben mit und zeigt die vielen positiven Errungenschaften, das Wissen und den Fortschritt der Menschheit auf, die wir im Laufe der Jahrtausende bis zum 21. Jahrhundert erreicht haben. Dabei streift er so vielfältige Bereiche wie die Wissenschaftsgeschichte, hier vor allem die Evolutionsbiologie, Physik, Kosmologie, die Neurowissenschaften und die Philosophie des Geistes, aber auch solche Bereiche wie Erfindungen und Technologien, Medizin, Ethik und Kunst (hier v.a. Musik) werden ausführlich behandelt. Ein besonders großes Augenmerk erhält dabei die Geistesgeschichte des Humanismus, der Menschenrechte und der Philosophie von den Anfängen in der Antike über die Renaissance, die Französische Revolution und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung bis hin zur Gründung der UNO im 20. Jahrhundert. All seinen Ausführungen liegt dabei ein naturalistischer, wissenschaftlich fundierter Blick auf den Menschen und seine Welt zugrunde, was bis zu den Überlegungen über eine säkulare, intellektuell redliche Spiritualität reicht. Keineswegs nimmt Schmidt-Salomon dabei einen naiven Fortschrittsautomatismus an, sondern zeigt vielmehr auf, dass Fortschritt sich nicht zwangsläufig einstellt, sondern dass es auch immer wieder zahlreiche Rückschläge in der kulturellen Evolution gab, wie z.B. den Untergang des Römischen Reiches und anderer antiker Hochkulturen. Unter Rückgriff auf seine eigene Doktorarbeit aus dem Jahr 1999 („Erkenntnis aus Engagement: Grundlegungen zu einer Theorie der Neomoderne“) har er stets auch die zahlreichen schwerwiegenden Probleme und Defizite der Menschheit im Blick: Die ökologische Zerstörung, die ökonomischen Fehlentwicklungen, Demokratiedefizite, Korruption und Kriminalität, kriegerische Auseinandersetzungen, Gruppenideologien, Armut und soziale Ungerechtigkeit, Krankheiten und Seuchen, Bevölkerungswachstum sowie unzulängliche Bildungssysteme. Für viele dieser Bereiche streift Schmidt-Salomon zumindest einige interessante und vernünftige Lösungsvorschläge, wie die Entwicklung eines rationalen Finanz- und Wirtschaftsystems, das Cradle-to-Cradle-Prinzip, die Entwicklung intelligenter Technologien und vor allem die Entwicklung einer transkulturellen, humanistischen Perspektive, die eine Zurückdrängung des Kulturrelativismus beinhaltet.

Schmidt-Salomon war in den letzten Jahren vor allem wegen seiner dezidiert vorgetragenen Religionskritik bekannt. Diese schimmert in „Hoffnung Mensch“ zwar auch in vielen Passagen durch, wird von ihm aber nur dezent eingestreut und ist stets im Kontext des gerade behandelten, übergeordneten Themas eingebettet. Ein Leitmotiv im Buch ist die immer wieder auftauchende Kritik am moralischen Dualismus: Die Beschränkung der Empathie und des Altruismus auf die eigene familiäre, soziale, religiöse, nationale, geschlechtliche, biologische oder politische Gruppe, also die Unterscheidung zwischen Individuen, die zur Ingroup gehören, denen man höchst altruistisch begegnet und solchen, die nicht dazu gehören, die also zur Outgroup gehören und im Konfliktfall mit großer Regelmäßigkeit in der Menschheitsgeschichte dehumanisiert und brutal bekämpft wurden und werden. Nicht umsonst waren Nächstenliebe und Fernstenhass stets auf unheilvolle Art und Weise miteinander verknüpft. Schmidt-Salomon führt dies auf unser evolutionäres Erbe zurück, dem wir aber nicht zwangsläufig auf ewig verhaftet sein müssen, weil – wie er belegen kann – ethische Fortschritte möglich waren und sind.

Sein Werk ist dabei mit vielen kleinen Weisheiten gespickt, bei denen man denkt: „Wunderbar, das trifft es genau!“ Ein paar geistig geile Beispiele gefällig?

Dass der Mensch zugleich das empathischste als auch das grausamste Wesen auf diesem Planeten ist, stellt also keinen Widerspruch dar. Im Gegenteil: Empathie und Grausamkeit sind oftmals auf unheilsame Weise miteinander verknüpft. Denn gerade das besondere Mitgefühl gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe hat immer wieder zu grausamer Gewalt gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen geführt. So reichte mitunter die (empathisch geteilte) Beleidigung eines einzelnen Gruppenmitglieds aus, um kollektive Blutfehden zu starten, die über Jahrzehnte hinweg unzählige Opfer forderten. Überblickt man die menschliche Geschichte, fällt hier ein Zusammenhang auf, der bis in die jüngste Vergangenheit hinein zu beobachten war und auf den in Deutschland vor allem der in Gießen lehrende Soziobiologe Eckart Voland hingewiesen hat: „Je empathischer, kooperativer und altruistischer Gruppen nach innen hin strukturiert sind, desto militanter, feindseliger und grausamer treten sie in der Regel nach außen auf.“

Nicht der technologische Fortschritt ist das Problem, sondern die Tatsache, dass wir ihm in ethisch-politischer Hinsicht noch immer so weit hinterherhinken. [..] Mit dem Smartphone in der Hand und der Bronzezeit im Kopf kommen wir nicht weiter! Wir brauchen zeitgemäße Ideen, die darauf angelegt sind, sich kontinuierlich weiterentwickeln zu lassen – keine unverrückbaren Dogmen, die gerade deshalb so gerne als „heilig“ und „unfehlbar“ deklariert werden, weil sie keiner kritischen Prüfung standhalten. 

Im Anschluss an den deutschen Soziologen Max Weber (1864-1920) meinen viele, dass der wissenschaftliche Rationalisierungsprozess die Welt entzaubert habe, doch das ist nur die halbe Wahrheit: Denn bei genauerer Betrachtung hat die Wissenschaft nur den falschen Zauber – den Glauben an magische Kräfte, an menschenähnliche Götter und Dämonen etc. – entkräftet. Im Gegenzug jedoch legte sie einen sehr viel tieferen Zauber frei – nämlich die unendlichen Dimensionen eines Universums, das um ein Vielfaches geheimnisvoller, mystischer ist, als es sich sämtliche Religionsstifter haben vorstellen können.

Da sie für die Einhaltung universalistischer Werte (etwa der Allgemeinen Menschenrechte) eintreten, werden Universalistinnen wie Kelek und Ahadi häufig als „Kulturimperialistinnen“, ja sogar als „Kulturrassistinnen“, beschimpft. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass „der Westen“ eigene Wertestandards entwickelt hätte, die man „fremden Kulturen“ nicht aufzwingen dürfe. Jedoch genügt schon ein kurzer Blick in die Geschichte um dieses Argument, das gerade auch in der Auseinandersetzung mit „dem Islam“ bemüht wird, zu entkräften: Vor 1000 Jahren beispielsweise hätte man in Bezug auf die Gewährung grundlegender Rechte wie der Meinungs-, Kunst- und Forschungsfreiheit sehr viel eher von östlichen als von westlichen Werten sprechen müssen. Denn diese Werte waren in muslimisch geprägten Regionen nachweislich sehr viel stärker beheimatet als im christlichen Europa. Es ist eben nicht wahr, dass Humanismus und Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie exklusive Kulturgüter des Westens sind – sie sind vielmehr elementare Bestandteile eines Weltkulturerbes der Menschheit, an dem Menschen aller Kontinente und aller Zeiten mitgewirkt haben (ich erinnere hier nur an die 2500 Jahre alten Antikriegsschriften des chinesischen Philosophen Mo-Ti).

Ich will es an dieser Stelle mit Zitaten bewenden lassen, sonst schreibe ich vor Enthusiasmus noch das halbe Buch ab. Das Buch ist wahrlich interdisziplinär und im besten Sinne populärwissenschaftlich angelegt, d.h. allgemeinverständlich geschrieben – aber dennoch seriös und präzise. Es kann eigentlich jedem geschichtlich, philosophisch und wissenschaftlich interessierten Menschen sehr empfohlen werden, auch Leuten, die nichts mit dezidierter Religionskritik zu tun haben. Es hat zumindest mir als chronischem Pessimisten mit plausiblen rationalen Argumenten und empirischen Daten aufgezeigt, dass Fortschritt keine reine Illusion des industrialisierten naiven modernen Westlers ist, sondern dass in der Tat, trotz aller Probleme der Gegenwart, in vielen Bereichen – und nicht nur in Europa – so etwas wie Fortschritt beobachtet werden kann, den man jedoch erst wahrnimmt, wenn man die Longue durée, also längere geschichtliche Zeiträume, in den Blick nimmt. Der einzige wirklich schnulzige Wermutstropfen stellt das persönliche Credo an die Menschheit in Gestalt eines Gedichtes am Ende des Buches dar. Aber über diese aus geschmacklich/ästhetischer Sicht durchaus diskutierbaren Abschlussferse kann man getrost hinwegblicken (ich meine: so schlimm sind sie nun auch wieder nicht), betrachtet man den natur- und kulturwissenschaftlichen Tiefgang, die breitgefächerte Allgemeinbildung, die Liebe zu einigen schönen Details (Musik) und die philosophischen Bonmots, welche Schmidt-Salomon in „Hoffnung Mensch“ auszubreiten vermag. 

                                 

Zur Stärkung der säkularen Szene empfehlen wir wie immer den Erwerb des Buches über den Alibri-Verlag, der mit seinen Gewinnen des Öfteren auch die Kampagnen der gbs unterstützt. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen